„Prüft alles und behaltet das Gute!“

 1. Thessalonicher 5,21 (E)

Täglich müssen wir Entscheidungen treffen. Kleinere treffen wir meist unbewusst, größere erst nach reiflicher Überlegung. Und doch bleibt oft ein Rest an Unsicherheit. Längst nicht immer erkennen wir, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war. Außerdem ist das doch auch Ansichtssache, oder? Ich kann und möchte nicht einfach für mich übernehmen, was andere für richtig und gut befinden. Das bedeutet, dass meine Ansichten, mein Glaube und die Art, ihn zu leben, immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Von mir selbst und von anderen. Auch von Gott, dem daran liegt, dass mein Glaube und meine Beziehung zu ihm nicht erstarren, sondern lebendig bleiben. Und immer stellt sich die Frage nach dem, was ich nicht aufgeben kann und will. Nach dem verlässlichen Fundament, das mir Halt gibt im Leben und im Sterben.

Prüft alles und behaltet das Gute!“ – ich glaube, Paulus ermutigt uns, sich vor Neuem und Ungewohntem nicht zu fürchten, um es dann vorschnell beiseitezuschieben. Er ermutigt, alles erst einmal anzuschauen, gewissenhaft zu prüfen und miteinander im Gespräch zu bleiben. Unmittelbar vor diesem Vers der Jahreslosung schreibt Paulus:

Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. (1. Thessalonicher 5, 15 – 20)

So gesehen kann „Prüft alles und behaltet das Gute!“ bedeuten, immer wieder neu nach Gottes Willen zu fragen, sich von ihm leiten zu lassen. Das klingt einfacher, als es im Alltag ist. Paulus nennt einige Verhaltensweisen, die dem Willen Gottes entsprechen und zum Guten dienen: „Vergeltet nicht mit gleicher Münze, wenn ihr meint, dass euch jemand schaden will. Wagt den ersten Schritt aus dem zerstörerischen Teufelskreis.“ Oder: „Segnet auch die, die euch Steine in den Weg legen und gönnt ihnen Gutes.“ Und: „Strahlt Freude und Zuversicht aus, wo Mut und Hoffnung sinken.“ Christsein heißt nicht, alles schwarz zu malen und zu sehen. Denn da ist ja noch das Gebet: Es gibt nichts, was wir nicht vor Gott bringen dürfen. Jederzeit, Tag und Nacht.

Und zuletzt: Nehmt wahr, dass ihr Beschenkte seid und nicht zu kurz kommt. Warum lässt es sich so viel leichter über Mängel als über Gutes reden? Warum setzt sich Negatives eher fest als Positives? Vielleicht finden wir den Aufruf, dankbar zu sein, deshalb so oft in der Bibel. Auch die Psalmen laden uns ein, sie mitzubeten, wenn wir nur schwarzsehen und uns die richtigen Worte fehlen.

Die „richtigen“ Worte schenkt uns dann der Heilige Geist, wenn wir ihm in unserem Leben Raum geben. Er ist die treibende, sortierende und reinigende Kraft, die Bewegung in unser Leben bringt.

Und die uns immer wieder Jesus nahebringt, der Gott für uns fassbar gemacht hat. Das Zeichen des Kreuzes macht uns deutlich:

Wir müssen nicht glänzen und perfekt sein. „Prüft alles und behaltet das Gute!“, hat nichts mit Selbstoptimierung und einem nach allen Seiten abgesicherten Leben zu tun. Gottes Geist macht lebendig und schenkt uns die Freiheit zu entdecken, wo unser Platz ist, an dem wir Verantwortung übernehmen müssen und wo es Stellschrauben in unserem Leben gibt, an denen zu drehen ist. Im Vertrauen darauf, dass Jesus auch dann zu uns steht und durch uns sichtbar wird, wenn wir falsche Entscheidungen treffen oder Antworten schuldig bleiben. Sogar dann, wenn wir ihn auf manchen Wegstrecken vergessen oder nicht damit rechnen, dass er uns begleitet und das Beste für uns will.

Prüft alles und behaltet das Gute!“

Ich glaube, wir können eine große Strahlkraft entwickeln, wenn unser Umfeld sieht, dass wir unseren Glauben ernst nehmen und dass wir bewusst damit leben, dass der Glaube nicht fertig ist, sondern lebendig bleibt. Indem er mir immer wieder Freiräume eröffnet, Neues und auch Altes neu zu entdecken und indem ich mich traue, starre Positionen zu hinterfragen. Daran möchte ich andere teilhaben lassen und mit ihnen darüber im Gespräch bleiben, wie und warum ich die eine oder andere Entscheidung getroffen habe und noch treffe. Vor allem anderen aber sollen die Menschen, denen ich begegne für sich selbst entdecken, dass der Glaube Halt gibt im Leben und im Sterben.

Das Prüfen kann aufwendig sein, manchmal führt es in die Konfrontation, Ergebnisse mögen unterschiedlich sein – aber wir bleiben in Bewegung, im Gespräch, im Kontakt – letztlich in der Beziehung zu Gott. Und das allein ist es schon wert. So wünsche ich uns Kraft und Mut, diesen Weg auch im kommenden Jahr zu gehen.

Prüft alles und behaltet das Gute!“

Pastorin Astrid Wolters (nach Renate Karnstein)