Erntedank –

ein Tischgebet

In süddeutschen Backstuben entdecke ich im Urlaub immer wieder ein Kreuzeszeichen aus Mehl auf dem duftenden Brot. Wer den backfrischen Laib anschneidet, kann es sehen:

Durch die körperliche Arbeit vieler Menschen, vom Pflügen über das Säen, Ernten, Dreschen, Mahlen und Kneten bis zum Backen sorg
t Gott für uns an Leib und Seele. Das Tischgebet in der bäuerlichen Hofgemeinschaft, so sieht man es auf Bildern oder gestickten Tüchern, war selbstverständlich. Vergangene Romantik ?
In normal sortierten Läden können wir heute oft zwischen 20 und mehr Sorten Brot wählen.

Die Mahlzeiten nehmen immer weniger Menschen im Familienkreis ein. Die Mittagstische stehen in Betriebskantinen oder an „Fast-food“-Ständen. Viele essen alleine vor sich hin.

Und das Tischgebet: hat es sich überholt ? Gerade wenn ich allein und in fremder Umgebung zu Tisch gehe, wird mir dieses Ritual zunehmend wichtiger. In mir erklingt dann manchmal der alte Choral, den wir auf Chorfreizeiten vierstimmig gesunden haben: „Aller Augen warten auf Dich, Herr, und du gebest ihnen ihre Speise zu seiner Zeit…“ Ich denke dann an meine Familie und daran, dass ich „reichlich und täglich“, wie Luther es sagt, versorgt bin.

Das ist alles andere als selbstverständlich.

Als Jesus seine Jünger die Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser lehrte, war ihr Auskommen nicht gesichert. Sie lebten als Tagelöhner buchstäblich von der Hand in den Mund. Gerade darum hielt Jesus ihnen wohl den gütigen Vater im Himmel vor Augen.
„Unser täglich Brot“ steht für alles, was wir zum Leben brauchen. Es gilt auch für uns: Die Sorgen um den Arbeitsplatz, eine Ausbildung oder eine gute Partnerschaft sollen uns nicht den Blick für den Himmel versperren. So schafft ein Tischgebet, allein oder in einer Gruppe gesprochen, mitten im Alltagsbetrieb ein Stück Freiheit und Trost. Mein Leben ist mehr als nur Daseinsvorsorge. Und das Dankgebet kann alle, die mehr haben als sie brauchen, freigebig machen und offen für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung.

Unser Evangelisches Gesangbuch hält neben einer Reihe von Mittagsliedern auch kurze Tischgebete bereit, darunter auch dieses (Nr. 838):

Herr, segne unser täglich Brot,
so sind wir wohl geborgen.
Hilf allen Menschen in der Not
Und allen, die sich sorgen.

Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Erntedankfest!
Wolfgang Peper