Corona: Das Lamm im runden Fenster

© Wolfgang Peper

Die Kirchen sollen in diesen Wochen der Coronavirus-Gefahr geschlossen bleiben. Darum läuten auch die Glocken, die sonst zum Gottesdienst rufen, nicht mehr. Trotzdem halten wir
in St.Jürgen-Zachäus am Sonntag um 10 Uhr und um 11 Uhr in Zachäus die Kirchentüren geöffnet für einzelne Besucherinnen und Besucher.

Die Altarkerzen brennen, draußen ist es sehr still. Meine Augen wandern durch das Kirchenschiff. Vor 81 Jahren, kurz vor Kriegsbeginn, wurde St. Jürgen geweiht.

Damals, so erzählen die Alten, konnte man durch das schlichte Glasfenster noch Kühe auf der Weide sehen: Die Kirche befand sich am äußersten Nordende des Hamburger Stadtrandes. 1955 bekam das Kirchenschiff das bunte Rundfenster des Künstlers Klaus Wallner.

Ich entdecke in den Ecken des Fensters die vier Evangelisten-Symbole: Die Menschengestalt steht für Matthäus, Markus gleicht einem Löwen, Lukas hat das Stierbild und Johannes wird als Adler dargestellt. Mich fasziniert das Lamm Gottes in der Mitte des Fensters.

Es steht auf einem geöffneten Buch mit sieben Siegeln, umgeben von Sonne und Mond. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ sagte Johannes der Täufer einst über Jesus. Aber nicht der Leidensgedanke spielt hier die wesentliche Rolle, sondern der Triumph des auferstandenen Christus über Schuld und Tod.

Unter diesem Lamm erkenne ich die vier „apokalyptischen Reiter“. Sie bringen Hungersnot, Teuerung und Unfrieden: Kurz nach der Einweihung unserer Kirche brach der 2. Weltkrieg aus. So ermahnt das Rundfenster uns immer wieder zum Frieden. Heute stehen wir in einer anderen weltweiten Gefahr. Der Corona-Virus macht an keiner Grenze halt. Ich denke an die vielen Ärzte, die sich um die Erkrankten bemühen. Das Gotteslamm in unserem Fenster steht für mich auch für Hilfe, Mitleiden und dem Sieg des Lebens über den Tod. Dankbar bin ich, dass es Räume in unserem Stadtteil gibt, in denen wir – auch für uns alleine, aber getragen von vielen Anderen – unsere Bitten um Heil und Frieden diesem Gotteslamm hinhalten können. Eine „Kirche der Stille“ ist für mich in diesen Tagen ein großer geistlicher Reichtum.

Wolfgang Peper