Bleibe-Orte

In Altona will ich einen Flohmarkt besuchen und entdecke die Missundestrasse wieder. Hier wohnten meine Großeltern. Als Achtjähriger durfte ich allein mit der S-Bahn bis zur Holstenstrasse fahren. Ratternd und stampfend kamen mir die Dampf-Loks entgegen.
Anders als vor 53 Jahren ist heute die Haustür der Großeltern verschlossen. Eine Anwohnerin öffnet und fragt skeptisch, was ich hier will und warum ich so viele Photos mache.
Im Treppenhaus erzähle ich von früher. Damals war das Haus grau und alt. Heute bestaune ich die 100 Jahre alten Stuckverzierungen, die wunderschönen Wandkacheln und die Fliesen. Rechts unten geht es zum Keller mit dem Kohle-Lager. Fluchttüren führten einst unterirdisch in den Luftschutzbunker am Ende der Straße.

Die kleine 3-Zimmer-Wohnung hatte eine Küche und ein WC, aber kein Bad. Mein Großvater, schwer kriegsversehrt, konnte stundenlang aus dem Fenster auf den Wochenmarkt schauen.
Mein „Geruchsgedächtnis“ erinnert sich an Großmutters zwischen den Knien gedrehte Kaffeemühle, an flachen, duftenden Butterkuchen, Opas Rasierwasser und an Briketts.
Nachts hörte ich die quietschenden Hafenkräne und Schiffs-Tuten von ferne. Weiter und weiter fragt die heutige Wohnungsinhaberin, fast stolz, in diesem besonderen Haus zu wohnen. Wir merken beide, wie sehr Räume und „Bleibeorte“ uns prägen, und verabschieden uns fröhlich.

Zuhause merke ich: Auch unsere Kirchgebäude sind Erinnerungs- und Bleibeorte: die kleine Kapelle in Zachäus mit dem großen Andachtsbuch oder das von Trompete spielenden Engeln geprägte Rundfenster in der St. Jürgen Kirche
Diese „heiligen Räume“ werden freigehalten für Gott und die Menschen. In ihnen komme ich zur Ruhe, denke an Gewesenes. Und ich schaue nach vorne: Was bringt die Woche, wie überstehe ich den neuen Wegabschnitt? Gott selbst will in diesen Räumen zu Gast sein, wenn ich ihn einlade: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, wo deine Ehre wohnt.“ Solche Häuser aus lebendigen Steinen brauche ich. Sie erinnern mich daran, wer ich bin und lassen mich Gott nahe sein.

©I.Schulz

©J.Scholz
Wolfgang Peper